Schon von weitem leuchten im Frühjahr die Hänge des Schönbuchs in weiß-rosa Tönen: Abertausende von Apfel-, Birn-, Zwetschgen und Kirschbäumen blühen und laden zu „duftenden“ Spaziergängen ein. Aber warum gibt es eigentlich gerade hier so viele Obstbäume und seit welcher Zeit? In Archivalien des Klosters Bebenhausen finden sich Hinweise, dass schon im Mittelalter vereinzelt Obstbäume in den Weinbergen standen, wahrscheinlich Jungbäume, die hier hochgezogen wurden. Der Obstbau hatte insbesondere um Breitenholz aber erst im 19. Jahrhundert so beträchtliche Ausmaße angenommen und insbesondere die aufgelassenen Rebflächen in Beschlag genommen. 1867 war er jedenfalls hier schon eine Haupterwerbsquelle der Einwohner. Besonders durch die Erfahrung der Hungersnöte im frühen 19. Jahrhundert wurde der Obstanbau in Württemberg zudem staatlich gefördert, man wollte eine weitere Ernährungsgrundlage schaffen.
Qualitativ begünstigt durch die klimatisch geschützte Lage war das Stein- und Kernobst von den Schönbuch-Hängen ein geschätzter Handelsartikel bis in den Schwarzwald hinein. Besonders die Kirschen scheinen über Jahrzehnte hinweg guten Ertrag und Gewinn gebracht zu haben.
So idyllisch wie die Streuobstwiesen heute aussehen, sind sie jedoch erst seit einigen Jahrzehnten. Kaum ein Bauer konnte es sich leisten, den Boden unter den Bäumen dem Graswuchs zu überlassen. Vielmehr wurde – sozusagen im Erdgeschoss – hier Ackerbau betrieben, im ersten Stock Obst gezogen und geerntet. Der Obstbau beanspruchte jedoch durchweg Flächen, die für Feldfrüchte aus verschiedenen Gründen nicht besonders geeignet waren. Erst seit der allmählichen Einführung des Traktors und der Intensivierung geeigneter Ackerflächen störten die Bäume auf den schmalen Stückle. Seit dem frühen 20. Jh. wurden entweder die Bäume rausgerissen oder die Äcker vielfach gleich in Wiesen umgewandelt: die sogenannten Streuobstwiesen entstanden, wie sie heute weithin das Landschaftsbild am Fuß der Schönbuch-Hänge immer noch prägen. Auch deshalb sind viele dieser Streuobstwiesen wie ein kleines Geschichtsbuch, in dem die Spuren von Wein-, Acker- und Obstbau eingegraben sind. Zudem bieten sie insbesondere für Vögel, Insekten und Fledermäuse einen bedeutsamen Lebensraum, gehören zu den artenreichsten Biotopen Mitteleuropas. Vitalitätsverlust durch Überalterung der Bestände, sich ausbreitende Misteln, wachsende Siedlungsflächen und kaum noch zu leistende Pflege bedrohen dieses Idyll allerdings. Mit vereinten Kräften soll es im Naturschutzgebiet „Schönbuch-Westhang/Ammerbuch“ allerdings erhalten bleiben.
Bildunterschrift: Blick über die Breitenholzer Streuobstwiesen auf den Schönbuchtrauf (© Christoph Morrissey)