Wenig oberhalb der steinernen Ruhbank am Feldhäusle südöstlich von Breitenholz, am Südhang unterhalb Burg Müneck Richtung Entringen zu, beginnt im Hang eine etwa 3 bis 5 m breite Rinne schräg den Hang zum Schönbuch hinaufzusteigen. Im unteren Bereich ist sie in den Gipskeuper eingegraben, im oberen Bereich teils schluchtartig bis zu 10 m tief eingegraben. An den Böschungen sind hier noch Reste von alten Mäuerchen festzustellen. Im weiteren Verlauf endet die Rinne plötzlich und scheint mit Aushub, Bauschutt und auch Hausmüll verfüllt worden zu sein. Die ganze Strecke ist teils dicht bewachsen mit Gebüsch und Bäumen, still und verlassen. Lag hier einst eine Mülldeponie mit Zufahrtsweg?
Keineswegs. Vor noch weniger als zwei Jahrhunderten herrschte hier ein reges Treiben: tagtäglich fuhren beladene Karren bergauf und bergab, die Kutscher fluchten über die tiefen Fahrrillen im Morast, leichte einrädrige Karren wurden gar von Menschenhand gezogen. Transportiert wurden Holz, Steine, Mergelboden, aber auch Korn und anderes. Die Rinne ist nichts anderes als die sogenannte Weiße Steige, die als alter Fernweg ehemals vom Oberen Gäu (Poltringen/Reusten) auf die Höhe des Schönbuchs führte. Ein hohes Alter zeigt allein die Tatsache an, dass dieser Weg über weite Strecken zugleich die Gemarkungs-Grenze zwischen Breitenholz und Entringen bildet, er zudem in gerader Linie an Breitenholz vorbeizieht und den Hang in nahezu idealer Linie erklimmt. Im späten 19. Jahrhundert wurde die alte Steige allmählich aufgegeben, ersetzt durch den jetzigen Fahrweg, der den Hang bei geringerer Steigung auf halber Höhe durchschneidet. Bis 1853 lag die Unterhaltspflicht für die Weiße Steige bemerkenswerterweise bei der Gemeinde Reusten, die demnach wahrscheinlich am meisten von dem Weg profitierte. Und warum eigentlich weiß? Das wird von den weißlichen Gipslagen herrühren, die der eingetiefte Weg im unteren Bereich an den Böschungen freigelegt hat.
Wie so viele Hohlwege, etwa auch im Kraichgau und andernorts, nutze man die nach dem Bau der neuen Trasse nutzlos gewordene Weiße Steige zu Teilen als Deponie. Klassische Hohlwege, die sich im Laufe der Nutzung immer tiefer eingeschnitten haben, sind an den Steilhängen des Schönbuchs mehrfach noch erhalten, wie die Kurze Steige, der Schwarzburg-Hohlweg und der Hohlweg im Bühl.. Überörtliche Verbindungen stellten sicherlich die am Härtlesberg nahe der Schwarzenburg die Schönbuch-Höhe erklimmenden Hohlweg-Bündel dar, ebenso der Herdweg/die Herdsteige bei Entringen, die Fehlensteige/Lange Halde, der Bogenackerweg, die steige vom Neuen zum Mädlesstein, die Weiße Steige bei Breitenholz, der Steigrain nördlich Breitenholz sowie die Altinger Steige am Ammelsgraben zwischen Kayh und Breitenholz. Sie repräsentieren den Typus alter Wege und Viehtrifte, in deren Trasse im Laufe der Jahrhunderte auch immer wieder gezielt Boden und Steine abgebaut worden sind. Sie erschlossen weniger die Weinberge, sondern führten vielmehr auf und über die Schönbuch-Höhen hinweg, etwa nach Weil im Schönbuch, Bebenhausen oder Holzgerlingen, oder auch weiter Richtung Böblingen und Stuttgart.
Heute bieten solche Hohlwege wichtige Lebensräume für eine Vielzahl von Tieren und Pflanzen. Auf kleinem Raum finden sich hier verschiedenste Bedingungen – von sonnigen Böschungen bis zu gehölzbewachsenen, schattigen Bereichen. Entstanden, um Menschen miteinander zu verbinden, spielen diese linearen Elemente heute eine wichtige Rolle im Biotopverbund.
Bildunterschrift: Die Weiße Steige ist im unteren Bereich in den Gipskeuper eingetieft (© Christoph Morrissey)